Die 1,5 Grad Marke der Klimaerwärmung ist de facto erreicht. Dass wir 2050 die plus 2 Grad Celsius über den vorindustriellen Temperaturen überschreiten, ist ein realistisches Szenario. Am Ende des Jahrhunderts können es über 3 Grad sein. Das ist keine Panikmache, sondern plausible Vorhersage auf den Daten und Trends der Gegenwart. Die (halb-)gute Nachricht lautet: Es gibt eine technische Zwischenlösung, welche der Menschheit Zeit für die Dekarbonisierung erkaufen kann. Sie heißt solares Geoengineering, kurz SGE.
SGE funktioniert wie ein gigantischer Sonnenschirm. Flugzeuge oder große Wetterballons bringen schwefelhaltige Aerosole in die Stratosphäre ein. Die Schwefelpartikel bilden einen dünnen weißen Film, der einen Teil des Sonnenlichts direkt zurück ins All reflektiert. Damit lässt sich die globale Temperatur je nach Dosierung künstlich zu senken oder stabilisieren. Wichtig dabei ist: SGE reduziert nicht die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre. Es ist kein Klimaschutz im eigentlichen Sinne, sondern Symptombekämpfung – eine Brückentechnologie, bis wir (endlich) CO2-arm leben und über Technologien verfügen, CO2 wieder massenhaft aus der Atmosphäre zu entfernen. Mit anderen Worten: Solares Geoengineering ist keine „silver bullet“, sondern wäre eine klimapolitische Notoperation.
Kritiker befürchten zurecht, dass die bloße Verfügbarkeit einer Kühlungstechnologie das globale Tempo bei der Dekarbonisierung bremsen könnte. Doch dieses Argument unterschätzt die wachsende Gefahr des langsamen Tempos, mit dem die Weltgemeinschaft dekarbonisiert. Wenn ökologische Kipppunkte – wie das Auftauen der Permafrostböden oder das Abschmelzen der Eisschilde – erreicht werden, ist die Klimakatastrophe nicht mehr aufzuhalten.
Das vielleicht überraschendste am solaren Geoengineering: Es ist im Vergleich zu anderen Klimamaßnahmen technisch unkompliziert und finanziell erschwinglich. Schätzungen gehen von rund 20 Milliarden Dollar jährlich aus, um die Klimaerwärmung übergangsweise aufzuhalten. Der niedrige Preis ist nicht zwingend ein Vorteil, sondern schafft ein erhebliches geopolitisches Risiko: Ein Land, das unter existenziellen Dürren oder Hitzewellen leidet, könnte sich entscheiden, das „Thermostat“ der Erde im Alleingang zu verstellen. Ohne eine internationale Governance und eine solide Faktenbasis durch transparente Forschung riskieren wir ein unkoordiniertes Vorgehen – so genanntes „rogue geoengineering“ mit unvorhersehbaren Folgen für regionale Wettersysteme.
Müssen wir die Sonne dimmen? Hoffentlich nicht, aber die Wahrscheinlichkeit steigt. Die Technologie ist kein Ersatz für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, aber sie könnte die letzte Verteidigungslinie gegen unumkehrbare Klimaschäden werden. Darauf muss sich die Menschheit endlich vorbereiten – durch Forschung, internationale Abkommen und einen vorurteilsfreien Dialog über die Risiken und Chancen dieses radikalen Schritts. Die internationale Klimapolitik redet nur ungern offen über solares Geoengineering. Das ist auf der einen Seite verständlich: Man möchte eben nicht den Eindruck erwecken, man könne die Erde ein wenig abschatten und alles ist wieder gut. Auf der anderen Seite wird mit jedem Zehntel Grad Temperaturanstieg ein unter Geoengineering-Experten oft zitierter Satz immer wahrhaftiger: Solares Geoengineering ist eine schlechte Idee. Aber vielleicht die beste, die wir noch haben, um die Klimakatastrophe noch abzuwenden.