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Zwischen technischer Euphorie und Realität

Ramges Radar: Was nützen humanoide Roboter?

Humanoide Roboter haben ein PR-Problem. Ständig tanzen sie. Oder sie machen Parkour. Oder sie servieren auf Messen Getränke. Das sieht spektakulär aus – ist aber ungefähr so relevant für ihre – und unsere – wirtschaftliche Zukunft wie ein Selfie für die Karriere eines Schönheitschirurgen. Beeindruckend sind die Fortschritte der letzten ein bis zwei Jahre dennoch. 

Ramges Radar: Was nützen humanoide Roboter?

Die großen Innovationssprünge, die wir zurzeit auf Videos sehen, haben weniger mit besserer Hardware zu tun als mit intelligenterer Steuerung. Neue KI-Modelle, Simulation und Imitationslernen erlauben es zunehmend, dass Menschen den menschenähnlichen Maschinen nicht mehr jeden Bewegungsablauf einprogrammieren müssen. Auch die großen Sprachmodelle spielen dabei eine große Rolle. Wir können den Humanoiden zurufen, wie sie eine Aufgabe lösen können. Das Ziel ist ein Generalist: ein Roboter, der alle menschlichen Tätigkeiten in menschlicher Umgebung ausführen kann. Die Spülmaschine ausräumen und Spaghetti kochen, als Co-Bots Montagearbeiten in Fabriken erledigen oder Logistikaufgaben übernehmen. Im Idealfall nehmen sie uns irgendwann jede körperliche Arbeit ab, die monoton, belastend oder schwer zu besetzen ist.

Auffällig bei der Entwicklung ist mal wieder die geografische Dynamik. Während viele der spektakulär finanzierten Start-ups aus den USA kommen, baut China gerade mit großer Geschwindigkeit ein industrielles Ökosystem rund um humanoide Robotik auf. China hat einen strukturellen Vorteil: eine leistungsfähige Hardware- und Fertigungsbasis, die zurzeit Elektroautos, Batterien und Drohnen baut. Aktuatoren, Sensorik, Batterien, Elektronik – all das lässt sich dort schneller und günstiger entwickeln und skalieren. Zudem treiben staatliche Programme Standardisierung und Testfelder voran. 

Trotz aller sichtbaren Fortschritte steht die Entwicklung humanoider Roboter weiter vor drei großen technischen Hürden.

  1. Hände. Greifen, Umgreifen, Kabel, flexible Objekte, präzise Montage – das alles ist deutlich schwieriger als auf zwei Beinen zu laufen. Robotische Hände sind nach wie vor einer der komplexesten Bausteine.
  2. Robuste Autonomie. Ein Roboter, der zehn Sekunden eine Aufgabe erledigt, ist eine Demo. Ein Roboter, der acht Stunden ohne Unterbrechung zuverlässig arbeitet, ist ein Produkt.
  3. Kosten. In der Industrie zählen nicht Videos, sondern Ausfallzeiten. Ein humanoider Roboter muss billiger oder zumindest flexibler sein als eine Kombination aus Förderband, Roboterarm und Spezialmaschine.

Europa sah bisher, mal wieder, vor allem die Probleme. Natürlich ist die Frage berechtigt: Warum sollte ein autonomer Zweibeiner ein schweres Montageteil in einer Fabrik herumschleppen, wenn das ein autonomer Lastkarren mit aufgeschraubtem Roboterarm besser, zuverlässiger und billiger kann? Und sind die Milliarden-Bewertungen von Startups ohne Kunden in Verbindung mit Beraterprognosen zu künftigen Billionenmärkten nicht der perfekte Nährboden für einen neuen Technologiehype? Doch auch hierzulande tut sich endlich was. Im März sammelte der Metzinger Humanoid-Entwickler Neura Robotics eine Milliarde Euro Risikokapital ein – ein Gutteil davon kam von den Tether-Kryptomilliardären. Mit dem Geld könnte jetzt der erste europäische Humanoid entstehen, der auf Ballhöhe mit den chinesischen und amerikanischen Modellen spielt. Das ist eine gute Nachricht, nicht nur für deutsche Automobilhersteller, die Neuramodelle bereits in der Produktion testen. Sondern auch für alle, die Humanoide nicht nur tanzen sehen wollen, sondern auch Fußballspielen. Hier sollten wir Europäer doch klar im Vorteil gegenüber Chinesen und Amerikanern sein.