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Ramges Radar: Technologische Souveränität

Im Herbst 2022 strandeten ukrainische Marinedrohnen auf dem Weg zur russischen Schwarzmeerflotte irgendwo im Niemandsland auf der Krimhalbinsel. Der Fehler lag nicht bei ukrainischen Soldaten, die sie losschickten. Die Drohnen verfehlten ihr Ziel, weil Elon Musk persönlich – und plötzlich – angeordnet hatte, Starlink in der Region abzuschalten. Die geopolitische Analyse hierzu lautet: Ein Privatunternehmer in Texas entschied, ob eine Militäroperation Erfolg haben kann. Der Fall zeigt sehr anschaulich, was technologische Abhängigkeit bedeutet: nicht Unbequemlichkeit, sondern Ohnmacht. Das gilt nicht nur fürs Militär. Drei amerikanische Konzerne kontrollieren rund 70 Prozent des europäischen Cloudmarkts. Öffentliche Verwaltungen, Krankenhäuser, Energieversorger verarbeiten kritische Daten auf Infrastruktur, über die Europa keine echte Kontrolle hat. Über Zugang oder Entzug entscheiden andere.

Ramges Radar: Technologische Souveränität

Souveränität heißt im 21. Jahrhundert nicht Autarkie. Kein Kontinent wird alle Schlüsseltechnologien allein entwickeln und produzieren. Die Grundvoraussetzung für technologische Souveränität lautet aber: Ein Land oder eine Staatengemeinschaft muss bei kritischen Technologien eigene Wahlmöglichkeiten haben. Dies erreicht Europa nicht durch „zu viel Regulierung und zu wenig Investition“, wie US-Amerikaner gerne die digitalen Zustände auf dem alten Kontinent beschreiben.

Technologische Abhängigkeit ist kein Schicksal, bzw. allenfalls ein selbst gewähltes. Drei wichtige Hebel für mehr Souveränität hält Europa selbst in der Hand:

  1. Kapital für Skalierung mobilisieren
    Europa hat hervorragende Forschung und viele gute Start-ups. Doch zu oft werden sie verkauft oder wandern ab, sobald große Wachstumsrunden nötig sind. Europa braucht mehr institutionelles Kapital für Deep Tech, große Wachstumsfonds und einen echten Kapitalmarkt für Innovation. Dazu gehört auch eine europäische Techbörse nach Vorbild der Nasdaq.
  2. Digitale Infrastruktur aufbauen
    Rechenzentren, Cloud-Kapazitäten, Halbleiterfertigung, Energieversorgung und sichere Netze sind die Fabriken des digitalen Zeitalters. Wer hier keine eigene Substanz besitzt, bleibt abhängig. Infrastrukturpolitik ist heute Industriepolitik.
  3. Binnenmarkt endlich vertiefen
    27 Märkte, 27 Regime, 27 Genehmigungslogiken – das ist für Tech-Firmen ein riesiger Wettbewerbsnachteil. Europa braucht einen echten digitalen Heimatmarkt, in dem Unternehmen schnell skalieren können – und damit echte Alternativen zu amerikanischen und chinesischen Anbietern schaffen. Im Idealfall werden dann europäische Techchampions selbst zu Verhandlungschips im großen geoökonomischen Pokerspiel.   

Wer glaubt, Europa fehle die Substanz für eine technologische Renaissance, sollte einen Blick nach Veldhoven werfen. ASML ist das einzige Unternehmen der Welt, das Extreme Ultraviolet Lithography-Maschinen baut. Ohne diese gäbe es keine Chips der neuesten Generationen und damit auch keine leistungsfähige KI. Ein niederländisches Unternehmen, unterstützt vom deutschen Laserchampion Trumpf, kontrolliert damit ein strategisches Nadelöhr der globalen Halbleiterindustrie. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis jahrzehntelanger Forschung, industrieller Geduld und europäischer Kooperation. Derweil gilt die Grundregel: Je weniger Abhängigkeit von Elon Musk, desto besser. Militärisch und zivil. Und im Ernstfall sollte ASML vielleicht Musks Firmen keine Maschinen für die angestrebte Chipproduktion in seinen Gigafabs verkaufen.