Es ist völlig unverständlich, dass Bezos’ junge Gründung in Europa bis dato kaum Beachtung gefunden hat. Man könnte auch sagen: das ist völlig zukunftsblind. Bei den hochinnovativen Hidden-Champions Europas mit Technologieführerschaft bei Maschinen und Apparaturen aller Art sollten die Alarmglocken genauso laut läuten wie bei Bosch, Siemens und Co. Denn mit seinem Prometheus greift der Amazon-Gründer die wichtigste Kompetenz der deutschen Industrie an: die Ingenieurskunst und die damit verbundene Fähigkeit, komplexe physische Produkte zu bauen.
In seinem technischen Kern ist Prometheus eine KI-getriebene Konstruktionssoftware. Die Modelle des Systems werden zurzeit mit allen Konstruktions-, Ingenieurs- und Experimentaldaten trainiert, die das rund 150-köpfige Team in San Francisco, London und Zürich zu fassen bekommt. Der KI-Ingenieur soll dann alsbald die hartnäckigsten Entwicklungsaufgaben in Maschinen- und Fahrzeugbau, Luft- und Raumfahrt und Chip-Produktion lösen. Die Maschine schlägt nach menschlichen Vorgaben bessere technische Designs vor. Getestet und verbessert werden diese dann direkt als digitale, KI-generierte Zwillinge. Und schon kann die KI die nächste innovative Iterationsschleife angehen.
Jeff Bezos scheint nicht der Einzige, der an den “General AI Engineer” glaubt. Im Juni 2026 investierten u.a. JPMorgan, Goldman Sachs und BlackRock 12 Milliarden Dollar in Prometheus, bei einer Bewertung von rund 41 Milliarden Dollar. Dabei war die Firma da gerade mal sieben Monate alt, operierte noch im Geheimhaltungsmodus und hatte noch keine einzige Anwendung öffentlich gemacht. Bekannt hingegen ist: Prometheus rekrutiert kräftig unter europäischen Ingenieurs-Toptalenten – so wie das vor zehn oder fünfzehn Jahren Tesla bei Daimler, BMW und Audi tat. Spätestens bei dieser Information sollte der letzte deutsche Industrievertreter ins Grübeln kommen, der glaubt: Domänenwissen und Domänendaten werden ihnen auch langfristig ausreichend Wettbewerbsvorteile sichern. Bezos’ Wette auf den KI-Feuerdieb ist recht einfach zu verstehen: Europäische Ingenieure haben 150 Jahre Wissen und Können aufgebaut. Wenn es ihm gelingt, diese auf KI-Modelle zu übertragen, verändert er das Spiel in allen Industrien mit komplexen physischen Systemen.
Die europäische Startup-Szene hat den Trend zu KI-Ingenieur-Tools längst erkannt. PhysicsX aus London und Neural Concept aus Lausanne simulieren physische Konstruktionsaufgaben. In München versucht Sphere Intelligence mit einem KI-Ingenieur die technische Entwicklung von Industriekunden radikal zu beschleunigen, indem es Daten- und Expertenwissen im Unternehmen zunächst in einem Modell zusammenführt, das dann auf jeder Stufe des technischen Entwicklungsprozesses unterstützt. Ich hoffe, europäische Industriegiganten gehen möglichst viele Allianzen mit diesen Startups ein – und beide Seiten verhelfen sich dann gegenseitig zu neuen Erfolgen auf dem alten Kontinent.
Kürzlich traf ich übrigens einen sehr klugen und senioren Google-Manager im Zug nach München. Er hatte sich natürlich Prometheus schon genauer angeschaut. Der Googler brachte die Situation für die europäische Industrie im Wettbewerb mit der amerikanischen und chinesischen wie folgt auf den Punkt: “Es werden auch hierzulande bald viele merken: Schlechte Industrie mit guter KI ist besser als gute Industrie mit schlechter KI.” Es könnte noch schlimmer kommen. Industrielle Domänendaten aus Europa machen die amerikanische und chinesische Industrie dank der dortigen KI-Expertise unschlagbar.