In reichen Ländern erkrankt fast jeder zweite Mann und jede dritte Frau im Leben an Krebs. Und dennoch: Die Medizin ist auf einem guten Weg, diesen Gegner zu besiegen: nicht mit einem Knock-out, sondern durch Zermürbung.
Die Daten sprechen für die Krebsforschung: In den USA ist die altersbereinigte Krebssterblichkeit laut der American Cancer Society seit 1991 um 34 Prozent gefallen. Das entspricht 4,8 Millionen vermiedenen Todesfällen. In der EU wurden zwischen 1989 und 2025 gar 6,8 Millionen Krebstode vermieden, bei Brustkrebs sank die Sterblichkeit seit 1990 um etwa 30 Prozent. Heute überleben sieben von zehn Erkrankten mindestens fünf Jahre. In den 1970ern war es nur die Hälfte. Auch bei aggressiven Tumoren zeigen die Statistiken rasche Fortschritte: Beim Leberkrebs stieg das Fünf-Jahres-Überleben von 7 auf 22 Prozent, beim Blutkrebs Myelom von 32 auf 62. Kinderleukämie war einst ein Todesurteil. Heute ist sie zu über 90 Prozent heilbar.
Zwei Kräfte treiben den Fortschritt. Die erste ist unspektakulär: Vorbeugung und besseres Screening. Die zweite sind innovative Behandlungsmethoden, insbesondere durch neue Immuntherapien. Der nächste Schritt sind personalisierte mRNA-Impfstoffe, die das Immunsystem auf den individuellen Tumor eines Patienten ansetzen. Sie werden unter anderem von BioNTech in UK entwickelt. In einer frühen Studie gegen den besonders tödlichen Bauchspeicheldrüsenkrebs sprachen acht von sechzehn Behandelten an. Von ihnen lebten nach sechs Jahren noch sechs, viele ohne Rückfall.
Und doch bleiben drei große Hürden.
- Krebs ist keine Krankheit, sondern eine ganze Kategorie. Die leichteren Schlachten sind geschlagen. Die härtesten trotzen weiter der Biologie: Bauchspeicheldrüse, Glioblastom und der Lungenkrebs als tödlichster von allen.
- Der Krebs wird jünger. Während die Sterblichkeit fällt, steigt die Zahl der Neuerkrankungen bei unter 50-Jährigen, vor allem bei Darm-, Brust- und Gebärmutterkrebs. Warum, weiß niemand genau.
- Geld. Innovative Therapien sind extrem teuer, und ausgerechnet der größte Geldgeber setzt zurzeit die Sense an. Die Trump-Regierung will das Budget des National Cancer Institute um mehr als ein Drittel kürzen. Derweil hat China die USA bei der Zahl der Krebs-Publikationen bereits überholt. Die Achse der hochinnovativen Krebsforschung verschiebt sich nach Europa und Asien.
Letzteres ist freilich eine ambivalente Nachricht. Der Zermürbungskampf gegen den Krebs braucht die Vereinten Forschungsnationen. Der Krebs kennt ja eh keine Grenzen. Für Mukherjee sind die Patienten und ihr Kampf gegen die Krankheit das Vorbild: „Widerstandskraft, Erfindungsgabe und Überlebenskunst gehen zuerst von denen aus, die mit der Krankheit ringen. Und die werden dann von jenen gespiegelt, die sie behandeln." Die gute Nachricht lautet: Die Ärzte werden immer besser darin, ihre Patienten in ihrem Kampf zu unterstützen. Bei immer mehr Krebsarten. Eine Welt, an der (fast) niemand mehr an Krebs sterben muss, wird vorstellbar.