Die Langlebigkeitsmedizin hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Das Leben von Labormäusen können Forscher heute um bis zu fünfzig Prozent verlängern. Warum sollte das auch nicht beim Menschen in absehbarer Zeit möglich sein. Die Molekularbiologen und Genetiker verstehen den Bauplan des Lebens immer besser. Wenn es ihnen gelingen sollten, den Zellalterungsprozess durch genetische Eingriffe oder hochinnovative Therapien aufzuhalten oder gar umzukehren, könnte ein alter Menschheitstraum wahr werden: Die Biomedizin könnte den Tod besiegen. Dann wäre ewiges Leben möglicherweise im Diesseits möglich, in ewig jungen Körpern. Das hofft zumindest der radikale Teil der Longevity-Bewegung. Deren Hauptquartier steht, wie könnte es anders sein, im Silicon Valley. Wer in der US-amerikanischen Tech-Szene was auf sich hält, investiert hohe Summen in Longevity-Startups: Sam Altman und Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und Peter Thiel, die Google-Gründer und Larry Ellison. Und Eric Schmidt natürlich auch.
Erstaunlich selten taucht in den Longevity-Gesprächen die Frage auf: Ist es überhaupt wünschenswert, so alt zu werden wie eine Riesenschildkröte (200 Jahre), ein Grönlandhai (400 Jahre) oder gar eine Grannenkiefer (ein paar Tausend Jahre)? Die Longevity-Utopisten gehen davon aus, dass mehr Leben automatisch mehr Glück bedeutet. Sie könnten sich im Vergleich zu heutigen Biografien mehrfach neu erfinden, beruflich wie privat. Sie könnten über Jahrhunderte immer weiser werden, soziale Beziehungen über viele Generationen aufbauen und hätten natürlich auch sehr viel Zeit, persönlichen Wohlstand aufzubauen. Im Gedankenexperiment sind diese (Wunsch-)Vorstellungen zwar plausibel. Aber seltsam naiv ignorieren die Longevity-Fans die so offenkundigen individuellen und gesellschaftlichen negativen Konsequenzen, sollte es tatsächlich gelingen, die Krankheit Tod zu besiegen. Unserem Leben würde die Dringlichkeit genommen, die uns antreibt, Dinge zu erschaffen und den Augenblick zu genießen. Ein unendliches Leben wäre unendlich redundant. Und selbst wenn die Körper jung blieben, wie stünde es um unsere Psyche als 300-Hundert-Jährige? Aus der psychologischen Forschung wissen wir: Die Seele altert nicht so gut.
Und dann wären da noch die gesellschaftlichen Folgen und Gerechtigkeitsfragen. Wer bekommt Zugang zu den Longevity-Therapien? Nur die reichen Investoren aus dem Valley? Oder Trump, Putin und Xi? Oder auch die Beitragszahler der gesetzlichen Krankenversicherung? Wenn keiner mehr stirbt und alle viel mehr Zeit haben, Kinder zu haben, würde die Weltbevölkerung explodieren. Aus meiner Sicht ist es daher eine gute Nachricht, dass schnelle Durchbrüche auf dem Feld der Langlebigkeitsmedizin de facto ausgeschlossen sind.
Wenn Forscher den Lebenszyklus einer Labormaus pimpen, wissen sie nach spätestens einem Jahr: Die Methusalem-Maus wird vierzig oder fünfzig Prozent älter als ihre genetisch unveränderten Artgenossen. Denn die natürliche Lebenserwartung beträgt nur zwei Jahre. Bekäme heute ein 50-jähriger Mensch eine Longevity-Wunderpille, wüssten wir frühestens im Jahr 2125, ob er oder sie tatsächlich den 150. Geburtstag feiern kann. Bis dahin sind Normalsterbliche wie Sie und ich längst tot.