Kolumne Pascal Finette

Pascal Finette berichtet regelmäßig für das ITmagazin aus dem Silicon Valley. Er zählt zu den Internet-Pionieren in Deutschland und gründete in den 90er-Jahren ein Start-up. Es folgten Stationen bei Ebay und Google. Heute ist er Executive Director der Singularity University, einem kalifornischen Think Tank, der Bildungsprogramme entwickelt und Jungunternehmer »auf die digitale Revolution« vorbereitet. Mehr zu ihm unter www.finette.com .

Die Szene spielt vor kurzer Zeit in Mountain View, Kalifornien – dem Sitz von Google. Apple, Facebook und fast jedes andere Technologieunternehmen ist irgendwo gleich um die Ecke: Drei selbstfahrende Autos – je eins von Waymo (Alphabet/Google), Cruise (GM) und eins von einem nicht gekennzeichneten Startup – fahren exakt zur gleichen Zeit auf dieselbe Kreuzung zu. Die geschäftigen Technologiearbeiter, die gerade auf dem Weg in die Mittagspause in einem der vielen Cafés und Restaurants an der Castro Street im Herzen der Stadt sind, zucken nicht einmal mit der Wimper. Denn autonome Fahrzeuge haben sie hier nun schon seit Jahren auf den Straßen gesehen.

Etwas ist diesmal allerdings anders: Anstatt zu demonstrieren, wie langweilig es ist, wenn perfekt brav funktionierende, emotionslose, mit KI angetriebene Maschinen Menschen umherbewegen, fahren die drei Autos in die Kreuzung ein und »frieren« plötzlich ein. Mit ihrer passiven, sicherheitsorientierten Verhaltensweise wissen sie an dieser Stelle einfach nicht, wie sie miteinander umgehen sollen. Der Umgang mit menschlichen Fahrern, mit all ihren Marotten, Emotionen und mit ihrer oftmals zerstreuten Aufmerksamkeit scheint für sie leichter vorhersehbar zu sein als die kalte, algorithmengesteuerte Natur anderer autonomer Fahrzeuge. Zwei der Sicherheitsfahrer müssen sich nun mit Zeichensprache verständigen, und der dritte gestikuliert wie ein Verrückter, während er sich über das Computersystem hinwegzusetzen versucht, um den Mikrostau zu beheben und die Autos wieder in Bewegung zu bringen.

Und genau hier liegt nun die Herausforderung: Die in den letzten Jahren übermäßig gehypten, völlig autonomen Fahrzeuge haben es schwer, den Erwartungen an sie gerecht zu werden. Die Welt ist, schlicht zusammengefasst, eine enorm komplexe Umgebung; in ihr zu navigieren, dürfte heutzutage eine der schwierigsten Herausforderungen für eine Maschine darstellen. Doch lassen Sie sich davon bitte nicht Ihren Blick auf die Zukunft der Mobilität vernebeln: Wir werden schon bald eine Menge halbautonomer Technologie in unseren Autos haben. Und selbst wenn Sie nicht die Möglichkeit haben werden, Ihre Zieladresse in Ihr Auto (oder wahrscheinlicher: in ein gemeinsam genutztes Fahrzeug) einzutippen und das Fahren einfach dem Rechner zu überlassen, werden Sie sich dabei dennoch immer weniger auf die Straße konzentrieren müssen. Schon heute kann ein Tesla Sie mit hoher Zuverlässigkeit Hunderte von Kilometern über die Autobahn fahren – stellen Sie sich einmal vor, was dies für den Güterverkehr auf langen (oder längeren) Strecken bedeuten könnte. Darüber hinaus werden wir in Zukunft eine Menge autonomer Automobiltechnologie in Fahrzeugen sehen, die an sich keine Autos mehr sind. Zum Beispiel können Lieferroboter durch die Fußgängerzonen unserer Städte, durch Bürokomplexe und Fabriken navigieren. Zudem sind voll autonome Fahrzeuge innerhalb bestimmter Areale zu erwarten, die durch Geo-Fencing klar eingegrenzt sind – auf einem Firmengelände, in großen Anlagen und sogar in ganzen Stadtvierteln, die neu gebaut oder modernisiert werden.

Nach einigen Jahren voller unerfüllter Erwartungen, einem zur Übertreibung neigenden Hype und einigen wahrhaft unglücklichen (und entsetzlichen) Vorfällen wie im Falle des Uber-Autos, durch das ein Fußgänger getötet wurde, ist die Branche inzwischen ruhiger geworden und konzentriert sich nun darauf, die Technologie zum Laufen zu bekommen.

Roy Amara, der Gründer des Instituts für die Zukunft, merkte einmal an: »Wir haben die Neigung, die Auswirkungen einer Technologie kurzfristig zu überschätzen und langfristig zu unterschätzen«.