Serie "Digitaler Wandel"

Fail fast and learn!

Wie der junge Geschäftsbereich 29 den digitalen Umbau der BW-Bank vorantreibt.

 

ITmagazin 4/2019

Stuttgart, im Oktober 2019: Wer in das Zentrum reist, stellt schnell fest, dass er Zeit und Geduld mitbringen muss. Das Herz der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg liegt, von Wald- und Rebenhängen umfasst, in einem riesigen Talkessel. Die Fahrt dorthin, egal mit welchem Verkehrsmittel, wird oft genug zur Geduldsprobe. Immerhin gab es in diesem Jahr eine gute Nachricht: Den Titel der deutschen Stauhauptstadt hat man an andere Metropolen weitergereicht – 2019 reichte es »nur« für Platz fünf mit durchschnittlich 108 Stunden Wartezeit für den Autofahrer. Mittendrin im Talkessel: Die Baustelle »Stuttgart 21«, ein gewaltiges Bahnprojekt am Hauptbahnhof, an dem seit 2010 gearbeitet wird – gesprochen und gestritten wird darüber bekanntlich noch viel länger. Im Dezember dieses Jahres sollte das Bauprojekt ursprünglich fertig sein; aktuell ist das Jahr 2025 der neue, realistischere Endtermin.

Nur ein paar Schritte von »Stuttgart 21« entfernt, gehen die Veränderungen deutlich schneller voran. Man könnte auch sagen, agiler. Denn im nahen Gebäude der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) hat ein Bereich seinen Sitz, der die Digitalisierung vorantreibt: der GB 29. Hinter diesem kryptischen Namen verbirgt sich der »Geschäftsbereich 29 Digital-/Transaction Banking« der BW-Bank, der alle digitalen Aktivitäten des Privatkundengeschäfts im LBBW-Konzern zusammenführt. 

Christoph Neubert
IT Business Consultant im GB 29 der BW-Bank

»Bis Oktober 2017 gab es nur die klassischen Vertriebseinheiten der Baden-Württembergischen Bank (BW-Bank) . Das ganze Thema der Digitalisierung war aufgeteilt auf die verschiedensten Abteilungen und Gruppen – auf das Produktmanagement, die Kreditabteilung und viele weitere«, sagt Christoph Neubert, IT Business Consultant im Digital Banking. »Die Idee war dann 2017, Fragen der Digitalisierung viel stärker in den Mittelpunkt zu rücken, sie also von einem Neben- zu einem Kernthema zu machen. So entstand der neue GB 29 – allerdings nicht als >Innovationsbüro< oder Digitalwerkstatt, sondern ganz bewusst mit der operativen Verantwortung für die Digitalisierung des Privatkundengeschäfts.«

 

BESTEHENDES HINTERFRAGEN, NEUES AUSPROBIEREN

Der Name »GB 29 Digital-/Transaction Banking« ist ganz bewusst gewählt. Denn hier will man die digitale Zukunft des Privatkundengeschäfts gestalten, Bestehendes hinterfragen, Neues schaffen und dabei den Kunden nicht aus den Augen verlieren. Hier werden smarte Digitalisierungsstrategien entwickelt, die Innovationen daraus dann umgesetzt. Und wo könnte man das besser als in einem Bereich, der auch operativ ganz nah am Kunden ist?
»Zum GB 29 gehören rund 180 Mitarbeiter, die in drei Bereiche aufgeteilt sind. Das Digital-Banking, das unter anderem zuständig für die Internet-Filiale, OSPlus und das Mobile-Banking ist, umfasst davon rund 40 Köpfe«, erklärt Christoph Neubert. »Der zweite Bereich ist das Transaction-Banking, zuständig für Konten & Karten und den Kartenservice. Schließlich gibt es noch das Service-Center inklusive Hotline und Direktfiliale. Dort haben wir ganz unterschiedliche Mitarbeiter – vom Call-Center-Agenten bis zum Spezialisten für die Immobilien-Finanzierung.«

Eine sehr heterogene Mischung, aber genau das war beabsichtigt. So gibt es neben den Mitarbeitern aus den einzelnen Aufgabenbereichen der Linienorganisation auch Kollegen, die sich intensiver mit neuen digitalen Themen beschäftigen. Rund 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählen derzeit zum digitalen Innovationsteam. Neue, intern zu besetzende Stellen, gelten als äußerst beliebt vor allem bei jüngeren Kollegen. »Bei Bewerbungen achten wir darauf, wer ein gutes Gespür für innovative Themen mitbringt und eine bestimmte Affinität zu digitalen Fragen aufweist«, sagt Christoph Neubert. Die ausgewählten Mitarbeiter werden mit internen und externen Maßnahmen langfristig aufgebaut und weitergebildet.   

LERNENDE ORGANISATION

Die Findungsphase des GB 29 ist noch lange nicht abgeschlossen und kann es vielleicht auch gar nicht sein – zu dynamisch sind Thema wie Umfeld. »Manche Projekte können wir mit Design Thinking, nicht alles müssen wir mit Scrum angehen. Es gibt Projekte, die werden viel besser nach dem Wasserfall-Prinzip, von oben nach unten, bearbeitet«, stellt der IT-Consultant dazu fest. »Das gilt übrigens auch für die Zusammenarbeit mit der Finanz Informatik. Da ist es häufig schlauer, die Projekte gemeinsam umzusetzen anstatt mit agilen Methoden zu arbeiten.« Strukturell ist der GB 29 aufgestellt; inhaltlich gibt es dagegen ständig neue Herausforderungen. Zum Beispiel, wie man ein innovatives Projekt auch tatsächlich in die Linie bekommt. Oder wie man Prozesse in einer großen Organisation mit 10.000 Mitarbeitern voranbringt – ein wichtiges Thema für 2020 und darüber hinaus. 

 

ERSTE ERFOLGE, NEUE AUFGABEN

Nachdem die BW-Bank mit der Umstellung auf OSPlus und die Internet-Filiale fertig war, ist es nun möglich, häufiger in die Pilotierungsphase bei neuen Projekten zu gehen. 2019 hat der GB 29 aktiv bei den OSPlus-Releases mitgearbeitet und war Pilot für das »Persönliche Finanzmanagement« – was das Institut als Erfolg wertet. »Für uns ist wichtig, von Anfang an mitarbeiten zu können, da wir anschließend für die BW-Bank alles >blau< färben müssen«, betont Christoph Neubert. Gemeinsam mit der FI und der SFP ist zugleich der neue Broker entstanden, der direkt in die Internet-Filiale integriert ist. An FINA, der App für Baufinanzierungen verknüpft mit OSPlus_neo, wird aktuell noch gemeinsam mit den Sparkassen Hannover, Nürnberg, Köln-Bonn sowie LBS Südwest, SFP und FI gearbeitet. 2020 soll dann eine stärkere Digitalisierung in der Vermögensverwaltung an den Start gehen – mit mehr Überblick und Transparenz für den Privatkunden.

Auch im Zahlungsbereich sind bereits neue Lösungen entstanden – zum Beispiel Fitbit-Pay zusammen mit dem kalifornischen Anbieter von Sport-Smartwatches. Mit S-Payment hat der GB 29 das Collaboration-Lab »SPAYCE« gegründet, um am Standort Stuttgart mit vereinten Kräften die Entwicklung innovativer Bezahlmethoden für die SFG voranzutreiben. »Aktuell sind wir stark im Thema OSPlus_neo involviert – alles was damit zu tun hat, wird gerade unter die Lupe genommen, implementiert und weiterentwickelt. Denn es geht im GB 29 natürlich darum, die sogenannten Linien-Themen voranzubringen und da ist OSPlus_neo essentiell«, betont Christoph Neubert.

 

VIELFÄLTIG VERNETZT

Im Sparkassen Innovation Hub in Hamburg (S-Hub) ist die BW-Bank seit der Gründung vertreten. In fast allen Product-Discoveries und Sprints war der GB 29 von Anfang an dabei. So ist die bereits erwähnte App FINA in Kooperation mit dem S-Hub entstanden.

Darüber hinaus gibt es seit zwei Jahren in Berlin einen weiteren Standort des GB 29. In der Hauptstadt sind drei Mitarbeiter tätig, die sich vor allem mit den Kollegen des DSGV, der SFP und weiteren Institutionen wie zum Beispiel den »G8«, den acht größten deutschen Sparkassen, austauschen und vernetzen. Interessante Initiativen wie etwa der »Digitale Spielpatz« der Kreissparkasse Göppingen, das »Digital-Center« der Stadtsparkasse München oder das »Birdsnest« der Berliner Sparkasse werden in Stuttgart nicht allein aufmerksam beobachtet, sondern auch von Mitarbeitern des GB 29 vor Ort besucht.

Im Ländle selbst ist der Bereich selbstredend vielfältig vernetzt. Zum Austausch, zur Information, aber auch zur Bündelung von Anforderungen und Wünschen in Richtung FI, wenn es um Anwendungen in OSPlus geht. Ohnehin pflegt das Unternehmen einen engen Austausch zur FI und zu deren Tochterunternehmen FI-SP und FI-TS. »Alles was wir hier an Telefonie oder IT im Haus haben, kommt ohnehin von der FI«, betont Helmut Dohmen, Bereichsleiter Digital-/Transaction Banking. »Wir als blaue Variante der Sparkassen würden uns manchmal eine individuellere Lösung wünschen, obwohl wir natürlich wissen, dass es zum Beispiel aus Kostengründen nicht geht oder die FI alle rund 400 Sparkassen im Blick behalten muss.«

 

POSITIONSBESTIMMUNG NACH ZWEI JAHREN

Der GB 29 hat seit dem offiziellen Kickoff in 2018 bereits für Wirbel und Aufmerksamkeit im Konzern gesorgt: Die Kleiderordnung im Bereich wurde bewusst abgeschafft bzw. neu definiert und Turnschuhe sind heute weit verbreitet. Alle 14 Tage gibt es eine »Inspiration Hour«, in der neue Aktivitäten vorgestellt oder Pitches mit innovativen Themen durchgeführt werden. Das hat für starke Aufmerksamkeit gesorgt – bis weit in die Vorstandsetagen der BW-Bank hinein, obwohl der GB 29 ein zahlenmäßig recht kleiner Bereich im Unternehmen ist.

Nach zwei Jahren herrscht die Meinung vor, dass man noch viel stärker und früher in die Methodenkompetenz der Mitarbeiter im GB 29 hätte investieren sollen, um bei einigen Projekten mit externer Unterstützung heute viel weiter zu sein. Eine weitere Erkenntnis: Wenn man etwas vorantreiben will, braucht man eine Speerspitze an Mitarbeitern, die den Freiraum haben, sich ganz auf neue Entwicklungen zu konzentrieren.

»Fail fast and learn«: Scheitere schnell und lerne (daraus) – für Christoph Neubert und seine Kollegen die zweifellos wichtigste Erfahrung aus zwei Jahren im GB 29. Obwohl noch nicht alles reibungslos laufe, habe man in 24 Monaten mehr bewegt als in fünf oder mehr Jahren zuvor. Das Zwischenfazit des Stuttgarter GB 29 der BW-Bank/LBBW fällt deshalb eindeutig aus: »Wir würden alles ganz genau wieder so machen.«